Lerntechnik 2.0: Der Geheimcode für dein Gehirn (*psst!) Verdoppele deine Erinnerungsleistung und deinen Wortschatz mit diesen Lerntechniken!

Du willst deinen Wortschatz zuverlässig erweitern und deine Erinnerungsleistung pushen? Das ist verständlich. Formeln, Merkmale einer Epoche, Argumente, Theorien – viele Fakten müssen wir kennen, aufzählen oder in einer bestimmten Reihenfolge wiedergeben. Abstrakte Fremdworte sind nicht in den Schädel zu bekommen und manche falten einem einen Doppelknoten in die Zunge. Wie sollen wir uns etwas einprägen, das wir nicht einmal aussprechen können?

In diesem Artikel zeige ich dir, wie du deinen Wortschatz und deine Erinnerungsleistung nicht nur verdoppelst! Etwas Gedankenakrobatik ist nun gefragt: Wir ändern, verbiegen und verschieben den Stoff, bis er in unsere geistige Arena passt. Sicherheitshalber speichern wir die Inhalte zweimal: einmal als Wort und einmal als „Visual Codes“. Doppelt hält besser!

Wortschatz und Erinnerungsleistung verdoppeln: So geht’s!

Gibt es einen Geheimcode für unser Gehirn?

Manchmal hilft strukturierendes und verstehendes Lernen nicht. In der Schule werden überwiegend Fakten gelernt und auch die Uni kommt ohne Details, Formeln, Statistiken und Jahreszahlen nicht aus. Zu Fremdwörtern, Fachbegriffen, Vokabeln und Namen haben wir erst einmal keinen Bezug (Denke an die befremdlichen lateinischen Begriffe im Medizin- und Jurastudium). Es gibt nichts, woran man das Wissen anknüpfen könnte. Viele Infos lassen sich zudem gar nicht intuitiv herleiten: dass der Kilimandscharo 5893 Meter hoch ist, dass der Fluss, der durch Florenz fließt, der „Arno“ ist oder dass unser Gesprächspartner „Maler“ heißt, obwohl er Arzt ist.

Um uns neue und abstrakte Informationen zu merken, müssen wir sie zerlegen, analysieren und so verpacken, dass sie leichter zugänglich werden. Ich nenne diesen Prozess in Anlehnung an lernpsychologische Forschungen „Kodierung“. Unser innerer Dolmetscher kommt also abermals zum Zug und muss unbekannte Begriffe in unsere Gedankenwelt übersetzen. Unterscheide:

  • Speichern: Der Inhalt wird 1 : 1 auf eine „Festplatte“ gespeichert. Unser Gehirn als biologisches Organ ist hier fehleranfällig, ein PC ist beim Speichern zuverlässiger.
  • Kodieren: Der Inhalt wird aufbereitet und verknüpft. Daten werden angereichert und mit dem Vorwissen in Bezug gesetzt. Der Mensch kann sehr gut kreativ denken, assoziieren und interpretieren. Ohne Interpretation kann man mit gespeicherten Daten nichts anfangen, deswegen ist das menschliche Gehirn letztendlich dem Computer überlegen.

Beim Lernen gilt das GIGO-Prinzip: „Garbage In = Garbage Out“. Zu Deutsch: Wenn man nur Müll hineinsteckt, kommt auch nichts Vernünftiges heraus! Der Moment der Kodierung ist entscheidend. Je qualitativer der Input, desto besser (und mehr) Output. Nicht das Vergessen ist das Problem, die meisten Infos werden gar nicht erst gespeichert! Das beweist eine Studie, bei der 15-Jährige Nonsens-Silben auswendig lernen sollten (diese sind besonders schwer zu merken). Wer alle Zeit nur damit verbrachte, die Silben stumpf durch mehrmaliges Lesen zu wiederholen, schnitt am schlechtesten ab (siehe Tabelle). Je länger die Schüler hingegen über die Silben nachdachten, desto besser erinnerten sie sich an diese. Im Endeffekt verdoppelte das bewusste Erarbeiten (= Kodieren) die Erinnerungsleistung!

Zeitaufwand für Lesen und Kodieren

Wenn du Zahlen, Daten, Fakten (ZDF) nicht kodierst, ist es, als ob du deine Jacke an einer Wand ohne Kleiderhaken aufhängen willst. Statt zu versuchen, die Jacke motivierter und angestrengter aufzuhängen, wäre es schlauer, einen Haken zu montieren. Beim Kodieren reicherst du also „nackte“ Fakten mit Eselsbrücken bzw. visuellen Erinnerungsstützen an. Das mag aufwendig erscheinen, denn es erhöht zunächst die Infomenge. Aber der Aufwand lohnt sich: Durch die bildliche Vorstellung und Verbindung mit bekannten Gedächtnisinhalten wird der Begriff viel schneller einsortiert und damit flinker und zuverlässiger gespeichert.

Die meisten Informationen werden nicht vergessen. In Wahrheit wurden sie nie vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis übertragen!

Wortschatz und Erinnerungsleistung verdoppeln: So geht’s!

Aber bitte mit Gefühl

Wir nehmen unsere Umwelt über unsere Sinne war. Für die grauen Zellen sind schwarze Buchstaben auf leblosem Papier nichts wert. Sie helfen nicht beim Überleben. Wir müssen den Lernstoff so verändern, dass er gehirngerecht, d. h. lebendig, konkret und vorstellbar wird. Alles, was neu, überraschend, eigenartig oder angenehm ist, bekommt besondere Bedeutung. Unsere Sinne und Gefühle sind der Schlüssel für die Kodierung:

Wortschatz erweitern durch Kodierung

  • Wir können uns Informationen besser merken, wenn wir sie in Bilder übertragen.
  • Auch wenn wir den Lernstoff hören, setzt er sich besser fest. Wie viele Popsongs hast du bewusst auswendig gelernt?
  • Je emotionaler eine Information ist, desto besser wird sie erinnert. Denke an deinen ersten Kuss, den vergisst du nie!
  • Auch wenn wir Dinge berühren und fühlen können, sind sie für uns realer (deswegen wollen wir im Museum trotz Verboten alles anpatschen).

Wortschatz und Erinnerungsleistung verdoppeln: So geht’s!

„Multisensuales Lernen“ heißt das Zauberwort

Bei einer Studie sollten Schüler unverbundene Wortpaare wie „Taube“ und „Auto“ lernen:

  • Gruppe 1 las die Wörter leise.
  • Gruppe 2 las Sätze laut, in denen die Wörter vorkamen.
  • Gruppe 3 bildete eigene Sätze und las sie laut.
  • Gruppe 4 bildete ein lebhaftes inneres Bild, bei dem die Wörter miteinander interagierten, z. B. dass die Taube von einem rasenden Auto überfahren wurde. Flutsch!

Welches war wohl die beste Gruppe? Jede Gruppe war besser als die vorherige. Aber Gruppe 4 behielt letztlich dreimal so viele Wörter wie Gruppe 1 !

Wie könnte man dieses Ergebnis noch steigern? Indem man die inneren Bilder aufmalt. Je vielfältiger die Beschäftigung mit den Begriffen ist, je mehr Sinne beteiligt sind, desto besser!

Wortschatz und Erinnerungsleistung verdoppeln: So geht’s!

Halluzinationen in hohen Dosen

Der Aufbau von inneren Bildern als Eselsbrücken lohnt sich. Ein Bild sagt mehr als 999 Worte! Versuche, ein Foto mündlich zu beschreiben. Du brauchst 20 Sätze. Ein Bild erfasst man in zwei Sekunden. Probieren wir es! Lies den folgenden Absatz dreimal und versuche dabei, ihn dir einzuprägen:

„Ein Zweibein sitzt auf einem Vierbein an einem Dreibein und isst ein Einbein. Da kommt ein Vierbein, springt auf das Dreibein und nimmt dem Zweibein sein Einbein.“

Nun schau weg und wiederhole. Ähm, äh, stotter … Wer diesen Satz rein repetitiv lernt, kommt nicht weit. Lies den Absatz noch einmal, versuche dabei, dir folgende Bilder vorzustellen:

„Ein Zweibein (Mensch) sitzt auf einem Vierbein (Stuhl) an einem Dreibein (Tisch) und isst ein Einbein (Hähnchenkeule). Da kommt ein Vierbein (Köter), springt auf das Dreibein (den Tisch) und nimmt dem Zweibein (Mensch) sein Einbein (Keule).“

Schließe nun die Augen und wiederhole den Absatz. Und, besser?

Wortschatz und Erinnerungsleistung verdoppeln: So geht’s!

Visual Codes als Grundlage

Ich favorisiere den visuellen Lernkanal, aus folgenden Gründen:

Bilder sind Schlüsselinformation. Die Forschung beweist, dass bildliche Informationen semantischen (Fakten, Text, Zahlen) weit überlegen sind: Die Studie unten zeigt, dass man sich an ca. doppelt so viele Bilder wie an Wörter erinnern kann; sowohl kurz- als auch langfristig. Im Vergleich zu abstrakten Wörtern ist die Überlegenheit von Bildern sogar drei- bis viermal so stark!

Visual Codes als Grundlage

Die Überlegenheit von Bildern gilt für alle Menschen. Eine Forschung zur Sinneswahrnehmung zeigt, dass wir 83 Prozent aller Sinneseindrücke über die Augen aufnehmen. Unser Gehirn ist darauf trainiert, Bilder schnell zu erkennen, einzuordnen und sich daran zu erinnern. Früher dachte man, dass die linke Gehirnhälfte für Logik und Wörter (Fakten und verbale Informationen) zuständig ist und die rechte Gehirnhälfte für Bilder, Musisches, Kreatives. Auch wenn die Theorie der

beiden spezialisierten Gehirnhälften heute überholt ist, zeigt diese Idee, dass wir ohne bildlich-assoziative Verstärkung nur die Hälfte unseres Gedächtnispotenzials nutzen.

Wir lernen automatisch „multisensual“. Dadurch, dass wir aktiv eigene Bilder suchen und aufmalen, beteiligen wir zwangsläufig mehrere Sinneskanäle. Neben dem visuellen Kanal wird der Tastsinn angesprochen, indem wir die Bilder skizzieren. Weil die Ideen dazu aus uns selbst kommen, haben wir gleich einen persönlichen Bezug hergestellt. Damit haben wir alles automatisch kombiniert, was man zum erfolgreichen Lernen braucht. Praktisch, oder?

Meine Lernmethode beruht daher auf der Verknüpfung neuer Informationen mit spontanen Assoziationen und inneren Bildern, die als kleine Skizzen zusammen mit den Fachwörtern gezeichnet werden. Das macht die Fachwörter, Vokabeln, Zahlen plastischer und somit eingängiger fürs Gehirn. Ich nenne diese Erinnerungsbilder „visuelle Kodierungen“ oder ausnahmsweise im dezenten Krenglisch „Visual Codes“. Das geht leicht über die Lippen und lässt sich gut merken.

Wir arbeiten im Folgenden mit diesen Visual Codes als kleinen Gedanken-Skizzen und ergänzen unsere Lerntechnik, wo es sinnvoll erscheint, mit weiteren Sinneseindrücken wie Tönen oder Bewegungsabfolgen.

Ja, aber …

… höre ich an dieser Stelle oft. Es gibt zwei Standard-Einwände:

„Ich bin nicht kreativ!“ Immer wieder bin ich erstaunt, wie schnell selbst die strengsten Juristen und Mathematiker zu kreativen Einfällen kommen. Jeder kann visualisieren:

Hast du dir schon mal Sorgen um etwas gemacht, das passieren könnte und dir die Konsequenzen „ausgemalt“? Das ist auch etwas nicht Reales – dennoch fühlte es sich so real an, dass dir mulmig wurde, oder nicht?

Wie viele Fenster hat deine Wohnung? Du weißt zwar zunächst nicht die Zahl, kannst aber in deiner Vorstellung durch die Wohnung gehen und nachzählen …

Wenn du diese beiden Fragen beantworten kannst, hast du eine bildliche Vorstellungskraft. Meine Erfahrung ist, dass diese nur etwas eingeschlafen ist, weil Schule und Uni überwiegend rein semantisch (über Wörter) Wissen vermitteln. Denke an die „Tafel-Bilder“. Sie bestehen meist nur aus Wörtern und Aufzählungen! Vorlesungsfolien sind dafür reinste Bullet-Point-Gefechte, vor denen du dich in Acht nehmen musst. Und Fachbücher? Die gleichen meist Text- und Formelwüsten. Wir müssen dagegen ankämpfen und wieder lernen, auf unsere spontanen Assoziationen und unsere Kreativität zu vertrauen! Wenn du diese Fähigkeit der Visualisierung und Vernetzung wieder in dir weckst, wird dir das Lernen in Zukunft erstaunlich leicht fallen.

„Das ist zu umständlich!“ Natürlich erscheint es erst mal komplizierter, zusätzlich zum Lernstoff Bilder zu finden. Aber nach einer einzigen Zeichnung vergisst du die Vokabeln vermutlich nie mehr. Wie oft betest du sonst etwas runter, bis es richtig sitzt? Und: Es ist wirklich nicht schwer. Im Seminar brauche ich bloß vier oder fünf Beispiele, bis wirklich jeder ein paar brauchbare Bilder produziert. Du schaffst das doch locker!

Wortschatz und Erinnerungsleistung verdoppeln: So geht’s!

Dein neuer Job als Kreativ-Direktor

Gerade bei Menschen mit geringer Motivation und Interesse ist der überlegene Effekt von Bildern besonders stark – was sich an der Werbung verdeutlichen lässt. Die Betrachter von Werbebotschaften sind nicht gerade motiviert, Informationen aufzunehmen. Deswegen lassen Werber Produkte lebendig werden, erzählen lustige Geschichten, bringen Vergleiche und arbeiten mit Gefühlen. Das erzeugt mehr Aufmerksamkeit und verblasst nicht so schnell. Du bekommst nun also einen neuen Job als „Kreativer“: Herzlichen Glückwunsch! Deine Aufgabe ist nun, Fachinformationen so zu verpacken, dass sie deinem Chef, dem Gehirn, viel besser gefallen! Die Bezahlung: bessere Noten und mehr Spaß beim Lernen. Kein schlechter Deal, oder? Dann los, unterschreibe deinen neuen Arbeitsvertrag, damit wir keine Zeit verlieren:

Ort, Datum, Unterschrift

Bereit? Dann beginnt schon deine Einarbeitungsphase: Auf den kommenden Seiten stelle ich verschiedene Anwendungsfälle vor. Es sind „echte“ Fälle, welche meinen Seminarteilnehmern Sorgen bereiteten. Versuche beim Lesen der folgenden Unterkapitel, dir die zitierten Beispiele einzuprägen. Löse dich aber bald von meinen Vorschlägen, finde eigene Eselsbrücken und Bilder. So kannst du dir die Merktechniken schon beim Lesen antrainieren.

Ich habe zudem etwas mehr Anschauungsmaterial für unerfahrene Eselsbrücken-Ingenieure eingefügt. Sie sollen als Quelle der Inspiration dienen. Lies vorerst nur die Abschnitte, welche dich im Moment betreffen. Wenn du mal nicht weiterkommst, findest du in den anderen Beispielen sicher die eine oder andere Idee.


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Ich wünsche Dir bei deiner Prüfung / Klausur / Referat viel Erfolg!

Dein Dr. Martin Krengel








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